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ICE-Park Montabaur
Bremsen für den Aufschwung PDF Drucken E-Mail
Sonntag, den 29. Juli 2007 um 02:00 Uhr
Von Nils-Viktor Sorge, Montabaur © SPIEGEL ONLINE 29.06.2007

Von Tempo 300 auf 0 in 120 Sekunden: Geschäftsreisende sind regelmäßig genervt, wenn der ICE im 12.500-Einwohner-Städtchen Montabaur stoppt. Einst hatten Lokalpolitiker den Halt erzwungen - nun erlebt das Provinznest einen regelrechten Boom.

Marc Fischer ist ganz oben angekommen. Seit kurzem residiert der Co-Chef der Unternehmensberatung Emc² in der fünften Etage eines modernen Geschäftshauses mit viel Glas und Stahl. Von seinem Büro hat der Ex-McKinsey-Partner freie Sicht in drei Himmelsrichtungen - standesgemäß für eine Firma, die zahlreiche Dax- und MDax-Konzerne betreut. Fischer überblickt fast die gesamte Stadt. Die hat indes nur 12.500 Einwohner, heißt Montabaur und liegt mitten im Westerwald.

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ICE-Bahnhof in Montabaur: 33 Mal am Tag hält hier der Superzug der Deutschen Bahn

 

"Ich bin die Standortentscheidung sehr rational angegangen", sagt Fischer trocken. "Die Argumente haben für Montabaur den Ausschlag gegeben." Ein Schloss, jede Menge Fachwerkhäuser und ganz viel Natur - so präsentiert sich Montabaur seinen Besuchern. Doch Standortargument Nummer eins thront auf dem Damm knapp 20 Meter über der Stadt: Der ICE-Bahnhof.

Vor fünf Jahren, am 27. Juli 2002, wurde der Bahnhof eröffnet, seitdem hält der Superzug der Deutschen Bahn 33 mal am Tag auf der Fahrt zwischen Köln und Frankfurt/Wiesbaden in der Kreisstadt. Die ist dadurch zum Vorort der beiden Ballungsgebiete geworden, die Fahrzeit beträgt in beide Richtungen nur etwa 40 Minuten.

Die beiden Flughäfen lassen sich sogar in weniger als einer halben Stunde erreichen. "Wenn der ICE hier nicht wäre, wären wir nach Frankfurt oder Wiesbaden gegangen", sagt Fischer. "Der Bahnhof ist ein echtes Asset."

So ist der Unternehmensberater einer von zahlreichen Geschäftsleuten, die es jüngst in die Mittelgebirgsidylle verschlagen hat. Das Gewerbegebiet mit dem Namen "ICE-Park" rund um den Bahnhof boomt, an die 600 Arbeitsplätze sind laut Wirtschaftsförderungsgesellschaft in den vergangenen drei Jahren allein dort entstanden.

 

Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer sprudeln

Gebaut wurde auf der grünen Wiese. Bislang stehen hier zwei Büroriegel, die ein wenig wie Fremdkörper wirken. Doch nebenan wächst bereits ein ellipsenförmiger Achtgeschosser empor, der Baukran dreht sich tagein tagaus.

Montabaur erntet die ersten Früchte der Hartnäckigkeit, mit der die Lokalpolitiker den ICE-Stopp einst erkämpften. "Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer sind zuletzt um ein Viertel gestiegen", sagt Bürgermeister Klaus Mies (CDU).

Mies erinnert sich noch gut, wie sein Vorgänger und Parteifreund Paul Possel-Dölken vor 16 Jahren den damaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Rudolf Scharping (SPD) beackerte, sich für den Stopp im Westerwald stark zu machen. "Bei jeder Gelegenheit bat mein Vorgänger ihn, das Bahnhofsthema zur Chefsache zu machen", sagt Mies.

Possel-Dölkens Projekt stieß zunächst selbst in den eigenen Reihen auf Unverständnis. Doch die Landesregierung griff das Thema auf und drohte schließlich Bahn und Bund, den Bau der Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Köln und Frankfurt zu blockieren. Von "Erpressung" war die Rede.

 

Selbst die Bahn spricht von einer Erfolgsgeschichte

Doch zum Entsetzen mancher Verkehrs-Strategen bekam Montabaur tatsächlich seinen Bahnhof - obwohl dem nur wenige Kilometer entfernten Limburg (43.000 Einwohner) ebenfalls einer versprochen worden war. Beide Haltepunkte wurden Symbol für deutsche Kleinstaaterei, in der Provinzfürsten in die Verkehrsplanung hineinfunken, um die Interessen ihres Sprengels durchzuboxen.

Mittlerweile aber spricht sogar die Deutsche Bahn bei Montabaur von einem "würdigen ICE-Halt" und einer "Erfolgsgeschichte". Statt der ursprünglich prognostizierten 300 Passagiere steigen fast 3000 täglich ein und aus.

Ob die abrupten Stopps auf dem Lande betriebswirtschaftlich sinnvoll sind oder nicht - die vom Niedergang der Keramikindustrie gebeutelte Westerwälder Region blüht durch den Bahnhof merklich auf. Die Arbeitslosenquote liegt in Montabaur bei unter fünf Prozent, das ist einer der niedrigsten Werte in Rheinland-Pfalz. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten legt beharrlich zu.

Und selbst in den weiteren Umkreis des Bahnhofs lassen sich Firmen leichter locken, berichtet Wilfried Noll, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung des Westerwaldkreises. So ist die Friedhelm-Loh-Gruppe (Elektrotechnik) mittlerweile mit drei Werken in der Gegend und beschäftigt 300 Leute.

Lokaler Platzhirsch ist United Internet (1&1, gmx.de, web.de) mit 800 Mitarbeitern. Chef und Großaktionär Ralph Dommermuth kommt aus dem Westerwald und hat kräftig in Büroimmobilien am Bahnhof investiert. Seinen schwarzen Ferrari will er auch in Zukunft regelmäßig vor der Firmenzentrale in Montabaur parken. Die soll trotz dringenden Erweiterungsbedarfs in der Stadt bleiben - nicht zuletzt wegen der guten Verkehrsanbindung.

Die günstige Lage entdecken derweil auch immer mehr Pendler aus Köln und Frankfurt und ziehen in die Region. Schon im Bahnhofsgebäude locken Immobilienangebote auf riesigen Postern. Einfamilienhäuser mit 150 Quadratmeter Wohnfläche und 800 Quadratmetern Garten gibt es für etwa 190.000 Euro - in den Ballungsräumen kann man davon nur träumen. Da leistet sich mancher eine BahnCard 100 für 3400 Euro, die ein Jahr lang zur freien Fahrt berechtigt.

Doch die Immobilienpreise in Montabaur und Umgebung ziehen wegen des Zustroms bereits deutlich an. "Es ist ein Aufschwung ohne Gleichen", sagt Hans-Peter Strotkamp, der Vorsitzende des Oberen Gutachterausschusses Rheinland-Pfalz. Während der Markt im Bundesland eher schlecht laufe, erreichten die Grundstückspreise in Montabaur immer neue Höhen. Zwischen 1996 und 2006 legten sie um 82 Prozent zu, im gesamten Bundesland betrug die Steigerung nur 35,7 Prozent.

 

Nachbarstädte blicken neidisch nach Montabaur

Montabaurs ICE-Bahnhof, von manchen einfach kurz "Itze" genannt, wirkt wie ein Magnet. Die Stadt, deren altes Zentrum anderthalb Kilometer südlich liegt, orientiert sich nun nach Norden. "So war es auch vor hundert Jahren - die Stadt wächst zum Bahnhof", sagt Wirtschaftsförderin Lydia Berressem. Ein ganzer Stadtteil, auch mit Wohnhäusern, soll entstehen, wo jetzt noch Schutt und Bauzäune dominieren. "Es beginnt für uns eine neue Epoche", sagt Bürgermeister Mies.

Die Nachbarstädte beäugen das Geschehen in Montabaur nicht immer wohlwollend. Koblenz etwa, das Oberzentrum am Mittelrhein, fürchtet um seine traditionelle Vormachtstellung. Die Stadt zieht zusammen mit anderen Gemeinden gegen ein geplantes Factory Outlet Center am Bahnhof vor Gericht. Die Sorge: Montabaur könnte zu viel Kaufkraft abziehen. "Viele beneiden uns", sagt Wirtschaftsförderer Noll.

Doch die Westerwälder arbeiten bereits an ihrem nächsten Coup. Mit der Frankfurter Flughafengesellschaft Fraport verhandelt die Wirtschaftsförderung über eine engere Kooperation. Ein Ziel: Künftig soll es möglich sein, am ICE-Bahnhof direkt für den Flieger einzuchecken. "Einmal Montabaur-New York" könnte es dann heißen. Die Kleinstadt wäre einen Schritt weiter auf dem Weg zur wohl kleinsten Metropole der Welt.

Quelle:
© SPIEGEL ONLINE vom 29.06.2007