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ICE-Park Montabaur
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Samstag, den 07. April 2007 um 02:00 Uhr
Ralph Dommermuth, Unternehmer aus Montabaur, finanziert das deutsche Boot beim America´s Cup

Montabaur hat zwei bedeutende Gebäude. Das eine ist unübersehbar, zum anderen muss man sich durchfragen. Auf einem Hügel im Zentrum des Landstädtchens thront, leuchtend gelb, das Schloss. Reisende zwischen Köln und Frankfurt, rechtsrheinisch unterwegs auf der Autobahn oder im Zug, sehen den Farbklecks in den Hügeln des Wes­terwalds und wissen: Jetzt fahren wir an Montabaur vorbei. Das andere Gebäude liegt am Ortsrand Richtung Elgendorf, noch hinter dem Schild „Auf Wiedersehen in Montabaur“. Nur ein kleines Schild auf einer Säule vor dem modernen Komplex deutet auf dessen Innenleben hin: „1&1“ steht dort weiß auf blau. Dies also ist der Sitz des bedeutendsten deutschen Internet-Unternehmens. In einem der dreigeschossigen Gebäude arbeitet im obersten Stockwerk der Hausherr. Die Lobby ist still und leer. Man könnte meinen, es ist Feiertag. Die Geschäfte laufen hinter geschlossenen Türen — und sie laufen gut.

Ralph Dommermuth wirkt im Gespräch nicht wie einer dieser Manager, die im Geiste schon die nächsten Termine auf ihrem Blackberry scannen. Vielleicht hat Dommermuth nicht mal so ein Gerät. Es wäre ihm zuzutrauen. Das Understatement im Persönlichen scheint ihm zur zweiten Natur geworden zu sein, oder er ist einfach so normal, der Milliardär aus der Provinz, den die Zeitschrift Capital als „erfolgreichsten Unternehmensgründer der vergangenen zwei Jahrzehnte“ bezeichnet hat, den das Manager-Magazin in seiner jüngsten Liste der reichsten Deutschen auf Platz 85 führt.

Der 43-Jährige besitzt ein gutes Drittel der Aktien von United Internet, der Firmen-Holding, zu der 1&1 oder auch die Marken Web.de und GMX gehören. Internet-Zugänge, Homepage-Verwaltung, Maildienste, Werbung im Netz. das sind so die Geschäftsfelder, die die etwa 3200 Beschäftigten in einem Dutzend Ländern beackern. Am Freitag vergangener Woche legte Dommermuth frische Zahlen vor. Die gefielen den Börsianern so gut, dass die Aktie allein an diesem Tag um bald sechs Prozent stieg - und Dommermuth damit auf einen Schlag um 68 Millionen Euro reicher wurde. Nur auf dem Papier, aber immerhin.
Zur Bilanzpressekonferenz musste der United-Internet-Chef nach Frankfurt, das ging also. Der junge Unternehmer aus der Zukunftsbranche, dessen Firmen in Europa und Nordamerika tätig sind, reist nämlich nicht gern geschäftlich. Neun Monate im Jahr hält er sich in seinem Montabaur auf; das „ist meine Heimat“, sagt er, da kommt er her, da will er nicht weg.
In diesen Wochen wird er jedoch mal ins spanische Valencia fliegen jetzt über Ostern zum Beispiel, um zu sehen, wie sich sein wichtigster Werbeträger macht. „l&l“ steht in großen Ziffern auf dem Segel der Yacht GER 89, die als erstes deutsches Schiff am America‘s Cup teilnimmt. Dommermuth muss sich dort sehen lassen, denn er begründet das Sportsponsoring strikt mit ökonomischen Überlegungen. Den Verdacht hat man ansonsten bei anderen relevanten Geldgebern in diesen Kreisen weniger.

Leute der extrem gehobenen Einkommensklasse fühlen sich zur Formel 1 des Segelsports hingezogen. Der Cup ist einer der wenigen Refugien exklusiver Kreise in der Welt des Profisports geblieben. Zum Volkssport hat es Segeln ohnehin eigentlich nur in Neuseeland gebracht. Syndikate, wie die Bootsbetreiber beim Cup offiziell heißen, müssen schon 100 Millionen Euro für die vier Jahre dauernde Kampagne bis zum Finale hinlegen, wenn sie mit Siegchancen dabei sein wollen. So ein Schiff ist ein ungemein teures Hightech-Unikat, die Besatzung besteht aus gut entlohnten Profiseglern, Millionen geben die Teams allein für die Erforschung von Windrichtungen und Wasserströmungen im Segelrevier des Austragungsortes aus.

„Die Szene interessiert mich nicht“, sagt Dommermuth, das Stelldichein erlesener Reicher ist nicht seine Welt. Zu der Szene gehören Figuren wie der exaltierte Oracle-Chef Larry Ellison, der erst 41 Jahre alte Schweizer Ernesto Bertarelli, der kürzlich seine Biotech-Firma für zehn Milliarden Euro verkaufte, Patrizio Bertelli, Besitzer des Modehauses Prada, oder auch Hugo Stenbeck aus der schwedischen Verlegerdynastie Stenbeck, die Weltmarktführer bei Gratiszeitungen ist. Und das sind jetzt nur Teamchefs, die einem Syndikat vorstehen.
Alles in allem soll Valencia eine runde halbe Milliarde Euro ausgegeben haben, um den Cup zu veranstalten, dessen Ausscheidungsrennen am 16. April beginnen und der mit dem Duell des Herausforderers gegen Cup-Verteidiger Alinghi — hier führt Bertareh das Kommando — Anfang Juli endet.

Damit die United-Internet-Beschäftigten nicht auf die Idee kommen, ihr Chef mache sich auf Spesen einen Lenz, nimmt Dommermuth für seine Valencia-Trips Urlaub. Man müsse doch Vorbild sein, findet der große Mann mit den runden Gesichtszügen. Wenn man mit Dommermuth spricht, bekommt man viele sachlich begründete Antworten. Und wenn man Geschichten über ihn aus vergangenen Jahren liest, fällt auf, dass die Antworten sich nicht ändern.

Edmund Schaaf erklärt die Bodenständigkeit des berühmtesten Stadtbürgers mit landsmannschaftlichen Einflüssen. „Euphorie ist uns nicht in die Wiege gelegt“, sagt der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Montabaur über den Menschenschlag der Westerwälder, und er sagt es sehr bedächtig. Dass der Name ihrer Stadt häufiger im Zusammenhang mit dem America‘s Cup fällt, könnte die Einwohner in spürbare Aufregung versetzen. Tut es aber nicht, sagt Klaus Mies, Bürgermeister der Stadt Montabaur, der freilich schon glaubt, dass viele „insgeheim stolz“ seien. Das gelbe Schloss ist ja gut und schön, dort oben aber herrscht geschlossene Gesellschaft. Von innen sehen es nur Volks und Raiffeisenbanker und andere Beschäftigte deutscher Genossenschaften, die das Montabaurer Wahrzeichen als Bildungsstättebetreiben. Da macht der America‘s Cup mehr her.
Montabaur geht es gut. Die Arbeitslosigkeit liegt unterm rheinland-pfälzischen Landesschnitt und aktuell unter sechs Prozent, die Gemeinde meldet seit Jahren mehr Neubürger als Abgänge. Und natürlich soll alles noch besser werden, wobei die Stadt nicht zuletzt auf der Schnellzughalt setzt. Nach langwierigem Kampf, erst gegen die ICE-Trasse und dann für einen Bahnhof, sicherten sich die Westerwälder die Notierung im ICE-Fahrplan. 2002 öffnete der nagelneue Bahnhof in fußläufiger Entfernung zur Altstadt.

Verlässt man den Bahnhofsvorplatz, passiert man zwei Bürogebäude — und trifft damit auf Ralph Dommermuth. Und beginnt zu verstehen, was Bürgermeister Mies meinte, als er sagte, es gebe kaum einmal parlamentarische Tagesordnungen ohne ein Thema mit Dommermuth Bezug. Der Internet-Unternehmer hatte sich rechtzeitig 20 000 Quadratmeter rund um den neuen Bahnhof gesichert, die mit seinen Millionen von einer Immobilienfirma bebaut werden, deren Geschäfte sein Bruder Rainer führt. Zu den zwei voll vermieteten Bürohäusern gesellt sich bald ein drittes. Vor allem aber soll am Bahnhof noch ein Factory-Outlet-Center (FOC) entstehen. Der Zuschlag dafür ging mit den Stimmen der absoluten CDU-Mehrheit an: Ralph Dommermuth. Die politische Opposition grollte, Sätze wie „Der kann machen, was er will“ standen in den Zeitungen.

Schaaf und Mies stellen dem größten Gewerbesteuerzahler und größten Arbeitgeber der Stadt erwartungsgemäß ein gutes ‘Zeugnis aus. Er habe immer sein Wort gehalten (Schaaf) und noch „nie was Unsittliches« gewollt (Mies). Das Wohlwollen der Amtsträger wundert Dommermuth nicht: „Unser Unternehmen zahlt brav seine Steuern und macht keinen Lärm oder Dreck.“
Die Sache mit dem FOC hängt übrigens noch, weil das nahe hessische Limburg — auch die Stadt war aus dem politischen Gezerre um die Trasse siegreich mit einem ICE-Bahnhof hervorgegangen — aus Angst vor umgelenkten Kundenströmen wegen der geplanten Shopping-Meile das Land Rheinland-Pfalz verklagt hat.

Will der gelernte Bankkaufmann mit seinen Investitionen seinem Montabaur, das er „Heimat“ nennt, ohne dass „ich ein besonderes Verhältnis zum Westerwald habe was Gutes tun? Nein, auch das täuscht. Er habe dabei nicht in erster Linie an die Stadt gedacht, „sondern an meinen Nutzen. Es muss sich alles rechnen.“ Der Jung-Milliardär, geschieden, ein Sohn, liefert nicht nur kein Material für Magazine, die sich nur mit Leuten beschäftigen, selbst am gesellschaftlichen Leben Montabaurs „nehme ich nicht teil“. Überhaupt führe er ein unauffälliges Leben.
Am wohlsten scheint er sich zu fühlen, wenn die Rede aufs Ökonomische kommt. Seit er 1988 im Alter von 24 Jahren mit Leihmöbeln unterm Dach eine Marketingfirma gründete und sie 1&1 nannte, ist der Sohn eines Montabaurer Immobilienmaklers Unternehmer. Vielleicht hat er einfach ein bisschen früher als andere in Deutschland die wirtschaftliche Bedeutung des Internets erfasst, ist ein bisschen schneller an die Börse gegangen, hat nach einigen verlustreichen Ausflügen in der Blasenphase des Neuen Marktes ein bisschen früher alles abgestoßen, was keine Aussicht auf Gewinn versprach. Sein Unternehmer-Credo beschreibt er so: „Man muss muss Vorwärtsdrang haben, darf aber nicht zu kurzfristig denken“ und behält immer das Eine im Blick: „Profitabiität ist das A und 0, so ist das halt in der Wirtschaft.“

Womit wir wieder beim Segeln sind, dem Dommermuth zugetan ist, seit er als Schüler in den Ferien mit seinen Eltern in Dänemark war und Gefallen an Yachten fand. Auf 50 Millionen Euro wird das Budget seines Teams beim America‘s Cup geschätzt; was zu dieser Summe jenseits der Sponsorenbeiträge und sonstiger Einnahmen fehlt, schießt Dommermuth aus der eigenen Tasche zu. In jedem Fall wird es ein beträchtlicher zweistelliger Millionenbetrag sein. Leistet er sich nicht doch auch ein Steckenpferd wie Ellison oder Bertarelli, die gar mitunter als Teammitglieder Regatten mitsegeln? Dommermuth, der eine große Jonkers Yacht in Südfrankreich liegen hat, winkt ab. „Der America‘s Cup ist kein Hobby für mich, weil ich mit einer America‘s Cup Yacht nicht segeln kann.“

Tränenden Auges werden die Vereine Montabaurs registrieren, was sich Dommermuth sein Firmen-Marketing in der großen weiten Welt des Hochleistungssegelns kosten lässt. In seiner Heimatstadt ist er nämlich nicht mit der Gießkanne unterwegs: „Einzelnen Vereinen haben wir nie was gegeben. Da sind wir hart. Gibst Du einem was, kannst Du dem nächsten nicht absagen.“Es muss sich eben alles rechnen. Da er sportliche Ambitionen in Abrede stellt, wird er das Abschneiden in Valencia besser ertragen können, wo doch alle Experten die Erwartungen ans Team United Internet runtergeschraubt haben. Aber treibt ihn, Dommermuth, jenseits allen ökonomischen Kalküls bei diesen Zweikämpfen auf hoher See nicht doch wenigstens ein bisschen sportlicher Ehrgeiz? „Da Sie ‚ein bisschen‘ sagen“, hakt er ein, „ja, ein bisschen sportlichen Ehrgeiz habe ich natürlich auch.“


AMERICA‘S CUP

Vor der Isle of Wight segelten 1851 der US-Schoner „America“ und 15 britische Yachten um den „100 Guinea Cup“. Die „America“ gewann und gab dem Rennen danach seinen Namen. Legendär ist die Antwort, die die englische Königin Victoria damals auf die Frage bekam, wer denn Zweiter geworden sei: „Es gibt keinen Zweiten.“ Bis 2003 siegten durchweg Schiffe aus den USA, Australien und Neuseeland. 2003 setzte sich in der „Alinghi“ (Schweiz) erstmals ein Boot aus Europa beim America‘s Cup durch.
In Valencia wird in diesen Wochen der 32. America’s des Titelverteidigers ausgerichtet. Auf der Suche nach einem Meeresrevier in Europa entschied sich das „Alinghi“-Team aus der Alpenrepublik für die Mittelmeerstadt Valencia.
Elf Yachten die nach vorgegebenen Maßen konstruiert sind, machen in sogenannten Matchraces (immer zwei Schiffe treten gegeneinander an) den Herausforderer der „Alinghi“ unter sich aus: drei aus, Italien sowie je ein Boot aus den USA, Neuseeland, China, Südafrika, Spanien, Frankreich, Schweden und Deutschland.

Von Christoph Albrecht-Heidler
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Diese Datei herunterladen (2007_04_07_ffr_flagge_dommermuth.pdf)Download als PDFFrankfurter Rundschau, Samstag, 7. April 2007 1 Nr. 82 1 D/H/R/S.